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Notare, Notare

JUDr. Tomáš Oulík 18. 5. 2017

Philister, Krämer
auf weichem Kissen
Sie an Kinder denken
die
Sie zeugen
we
lch einen dicken Bauch sie kriegen
rasierten Kinn,
Notare, Notare sie werden!

Jean Richepin nimmt in seinem Gedicht die Notare ähnlich wahr, wie ein jetziger dekadenter Dichter die gesicherte Existenz eines Kreishauptmanns oder eines Mitglieds des Verwaltungsrates der Allgemeinen Krankenversicherungsanstalt wahrnehmen würde. Die Vorstellungen der Philister und Krämer über die Ideale Kariere ihrer Nachkommen verschieben sich. Keiner der derzeitigen Milliardäre ist darauf erpicht, dass sein Kind Notar wird. Aber wie betrachten sich eigentlich die Notare selbst? Wächst die Speicherkapazität Ihrer Computernetzwerke nicht schneller als das kollektive Erinnerungsvermögen ihres Standes?

Wir können um uns herum sehen, dass die Unterschiede zwischen den „oben“ und „unten“ eher grösser werden, die Schere der Einnahmen öffnet sich immer mehr, werden schwächer und die in der „Mitte“ werden weniger. Man kann nicht übersehen, dass diese Entwicklung auch den Stand der Notare heimgesucht hat. Zu den Unterschieden trägt die Fähigkeit der aktiveren bei, auf die Nachfrage zu reagieren, die Arbeit oft von einem Tag auf den anderen zu verrichten, Vollservice auch bei der Beglaubigung von zwei Unterschriften auf dem anderen Ende der Stadt zu bieten. Andererseits auch wenn jemand in seinem Büro 24 Stunden pro Tag verbringen würde, bereit Fusionen europäischer Gesellschaften zu vollbringen und zukünftige „Hundehütten“ zu bauen, ruft niemand an.

Das Wenige, was die mehr frequentierten für die weniger frequentierten Kollegen machen könnten tun könnten, ist die Art der Abgaben an die Notarkammer zu ändern.

Die geplante Regie der Notarkammer könnte z.B. aus einem Drittel durch feste Beträge wie bis jetzt und aus zwei Drittel aus dem Umsatz der Notare gedeckt werden, der im Vorjahr erreicht wurde. Das würde zweifelsohne die Solidarität der Notare stärken. Nicht nur der fleissigen und bequemen, aber auch der mit unterschiedlichen Einnahmen. Mehr über sich zu wissen bedeutet sich mehr zu verstehen und das bessere und schlechtere miteinander zu teilen, wie in einer guten Familie.

Ich bin der Ansicht, dass nach den realisierten grossen Änderungen des Rechts die richtige Zeit gekommen ist, damit die Notare innerhalb ihres Standes eine breitere Diskussion über ihre Ausrichtung, ihre Probleme und ihre Organisation eröffnen. Eine Diskussion darüber, ob die "politischen“ Erfolge Hand in Hand mit den wirtschaftlichen Erfolgen gehen. Ob einige Posten der derzeitigen Gebührenverordnung und Verordnung über die Entlohnung der Notare Anbetracht der notwendigen Zeit bereits nicht unter der Grenze der Rentabilität einer durchschnittlichen Kanzlei sind. Eine Diskussion darüber, wie die Mitglieder des Notarstandes, die mit ihrem Handeln dem guten Namen ihrer Kollegen schaden, geahndet werden könnten. Ein Meinungsaustausch bereichert uns, trägt der Korrektur der praktischen Vorgehensweisen und Rücksicht bei und ist auf allen Ebenen nützlich. Ob nun bei Veranstaltungen, die von den Notarkammern veranstaltet oder bei Treffen, die von jungen Kollegen organisiert werden oder in einer anderen Gesprächsrunde. Die Mehrheit der Standesmitglieder achtet noch die gemeinsamen Grundsätze. Eine Reihe von Notaren beginnt jedoch einen Konkurrenzkampf und Existenzprobleme zu spüren. Sie zu ignorieren könnte zu Verlassen der anständigen und kollegialen Tätigkeit, zur Resignation, zur Unterscheidung auf „wir“ und „sie“, zur Bildung einer inneren Opposition, die ausserhalb des Establishments steht, zur Verneinung von Autoritäten führen. Das Gedicht geht weiter:

Aber wehe, was für ein Trug,
zur
Strafe gedacht,
Ihnen
geboren, geboren
wird!
Vom verfluchten Schicksal Betrug
mit Haarespracht
sie
Dichter, Dichter
werden
!

Prag, April 2017
JUDr. Tomáš Oulík